Tag Archives: Rechtsikonographie

Dünz # 6: Ungleiches Paar

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Frühneuzeitlicher, selbsterklärender Cartoon [Federzeichnung von Hans Jakob I. Dünz (Lochrodel-Eintrag vom 21. Mai 1624) → Bernisches Staatsarchiv]

Sie («AEt[atis]: 13)»: «Du schwartzen vnflat». Er: («AEtate: 57»): «Ä mÿn härtz liebe J[ungfrou]w Dorothe, sÿt mir gnedig / sÿt mir gnedig!» Ausgang der Geschichte: «Briegeli [Weinerchen]». •

Leonardo da Vinci: Studie eines Gehängten, 1479

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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Studie des am 29. Dezember 1479 in Florenz gehenkten Bernardo di Bandino Baroncelli.

Am 26. April 1478 wurde Giuliano de’ Medici zum Auftakt der sog. Pazzi-Verschwörung von Francesco Pazzi und Bernardo di Bandino Baroncelli während der Ostermesse im Dom zu Florenz ermordet. Baroncelli floh an den Hof des Sultans in Konstantinopel, wurde jedoch an die Medici ausgeliefert.
«Ende 1479 brachte ihn Antonio de‘ Medici nach Florenz zurück. Das Todesurteil durch Erhängen an den Fenstern des Podestà durch die Otto erging am 28. Dezember, die Exekution erfolgte im Morgengrauen des folgenden Tages. Das Urteil bestimmte, dass Bandini in denselben Kleidern, in denen er aus Konstantinopel nach Florenz gekommen war, gehenkt werden sollte. Er trug offenbar immer noch türkische Gewänder, und es sollte mit dieser Verfügung wahrscheinlich herausgestellt werden, daß er nicht nur den Staat, sondern auch den Glauben verraten hatte. Die exotische Kleidung muß dem jungen Leonardo da Vinci so interessant vorgekommen sein, daß er den Gehenkten zeichnete und mit penibler Genauigkeit dessen Kleidungsstücke notierte. Auch der Name eines anderen berühmten Künstlers ist mit der Pazzi-Verschwörung verbunden. Am 21. Juli verfügten die Otto die Zahlung von vierzig Fiorini an Sandro Botticelli für die Ausführung der Schandbilder der Verräter. Es war Brauch, die Bilder der Verbrecher (ursprünglich nur der Bankrotteure) zur Schmach und zur Abschreckung auf die Wände öffentlicher Gebäude zu malen. Botticellis Schandbilder sind wie fast alle dieser Art nicht erhalten, obwohl solche Darstellungen oft erst nach Jahrzehnten übertüncht wurden.» Ingeborg Walter: Der Prächtige. Lorenzo de Medici und seine Zeit, München 2. Aufl. 2011, 161 •

Dünz # 3: ô, weÿen we we we …

Die wehklagende Elsbeth Fürst von Bern bei ihrer Einlieferung ins Chorgerichtsgefängnis: «O vatter, vatter, vatter, vatter – hie blÿb ich nit.» [Federzeichnung von Hans Jakob I. Dünz (Lochrodel-Eintrag vom 10. Juni 1621) → Bernisches Staatsarchiv]

«Deß Zentz Fürsten döchterli Elsbettili ist vff den 20a diss in ds loch glegt (ô, weyen we we we, wie sol ich myn leben hangfang, ô der großen schmach. Myn vatter vnd muoter werde[n] sich zuo tod beckümmeren. Hie blyb ich nit». •

Dünz # 2: Stäupung zweier Frauen

Stäupung der Margret Spiegler von Escholzmatt und der Elisabeth Fahrni von Leuzigen. [Federzeichnung von Hans Jakob I. Dünz (Lochrodel-Eintrag vom 1. März 1623)
→ Bern Staatsarchiv]

Bei dieser ehrenrührigen Körperstrafe wurde der/die Verurteilte mittels einer aus Birkenreisig gefertigten Rute (Staupbesen) entweder auf dem Schwingstuhl «ausgeschwungen». «Oft aber führten der Scharfrichter, die Weibel oder Knechte gebundene Verurteilte durch die Hauptgasse von Dörfern und Städten, wobei die Schuldigen von Zeit zu Zeit die vorgeschriebene Anzahl Schläge erhielten.»
→ Willy Pfister, Die Gefangenen und Hingerichteten im Bernischen Aargau. Die Justiz des 16. bis 18. Jahrhunderts (Beiträge zur Aargauergeschichte 5), Aarau 1993, 173.  

Hans Jakob I. Düntz – bedeutendster Berner Glasmaler seiner Zeit •

* um 1575 in Brugg (Aargau) + 1649 in Bern
Sohn des Brugger Schreibers Lienhard I. Dünz und der Müllerstochter Barbel Grülich. Ausbildung zum Glasmaler, um 1595 Geselle des Basler Glasmalers Hans Jakob Plepp in Bern, Produktion von Scheibenrissen für Private, nach Erlangung des Burgerrechts 1609 vermehrt auch für die Obrigkeit. Seit Ostern 1617 ins Amt des Chorweibels gewählt. 

Selbstbildnis des Künstlers als Chorweibel (Gefangenenwärter), Federzeichnung.
[Hans Jakob I. Dünz, Lochrodel-Eintrag vom 4. Februar 1629 → Bern Staatsarchiv]

«Dieser Beamtung als Gefangenenwärter des Chorgerichts verdanken wir aber eine Werkgruppe, die heute durch ihre Unmittelbarkeit und die Aktualität der Bildsprache (Rebus, Karikatur, Situationskomik, Comic strip avant la lettre) besonders anzusprechen vermag. Es handelt sich um die zahllosen Randzeichnungen in den Journalen des Chorgerichts-gefängnisses, den sogenannten Lochrödeln (Staatsarchiv Bern), die er als Chorweibel über 30 Jahre hinweg, bis zu seinem Tod nach Ostern 1649 führte. In diesen nicht für eine breitere Öffentlichkeit bestimmten Aufzeichnungen konnte er seinen zeichnerisch-karikaturistischen und dichterisch-satirischen Neigungen offensichtlich freien Lauf lassen. So entstand eine in vielerlei Hinsicht beachtliche Chronique scandaleuse mit wertvollen Informationen in verschiedenen Wissensgebieten von der Kunstgeschichte bis zur Alltags- und Sozialgeschichte. […] Hans Jakob I. Dünz war der bedeutendste Berner Glasmaler seiner Zeit, der sich in seinen besten Leistungen – dank eigenwilliger Motivwahl und Zeichnung – der Routine seines Gewerbes erfolgreich zu entziehen vermochte. Stehen schon die Auftragsarbeiten deutlich über dem Durchschnitt der zu seiner Zeit immer noch grossen, aber teilweise in Schematismen und Konventionen gefangenen Scheibenrissproduktion, so strahlen die Lochrödelzeichnungen als freie Arbeiten eine Frische und Unmittelbarkeit aus, wie man sie kaum im Schaffen eines anderen Schweizer Künstlers des 17. Jahrhunderts findet.»
→ SIKART (Georges Herzog)

In lockerer Folge sollen hier künftig die Lochrodelzeichnungen von Dünz eingestellt werden.

Literatur:

  • J. G. Schaffroth, Hans Jakob Dünz, der Chorweibel und Illustrator der Lochrödel 1617–1649, in: Neues Berner Taschenbuch 4 (1898), 67–91. → retro.seals.ch 
  • Klaus Speich, Die Künstlerfamilie Dünz aus Brugg. Ein Beitrag zur Kulturgeschichte der Barockzeit im reformierten Stand Bern, Brugg 1984, 14–80.  •